Zwischen 2015 und 2022 konnte man mit einer Affiliate-Website gutes Geld verdienen, ohne je ein Produkt in der Hand gehalten zu haben. Man recherchierte ein Keyword wie „bester Akkubohrer Heimwerker", schrieb einen Vergleichsartikel auf Basis von Amazon-Rezensionen, setzte Affiliate-Links und wartete auf Google-Traffic. Dieses Modell hat Tausende von Websites finanziert. Und es funktioniert heute so nicht mehr.
Was ein Partnerprogramm eigentlich ist
Die Grundidee ist simpel: Ein Unternehmen zahlt eine Provision, wenn jemand über Ihre Empfehlung ein Produkt kauft oder eine Dienstleistung bucht. Sie empfehlen, der Kunde kauft, Sie verdienen mit. Das kann ein Prozentsatz vom Verkaufspreis sein, ein fester Betrag pro Anmeldung oder eine Vergütung pro Klick.
Amazon war jahrelang das bekannteste Partnerprogramm, aber es gibt Hunderte weitere: Software-Anbieter, Hosting-Unternehmen, Online-Shops, Versicherungen. Die Bandbreite reicht von ein paar Cent pro Klick bis zu dreistelligen Provisionen pro Abschluss. Technisch läuft das über einen individuellen Tracking-Link, der Ihren Empfehlungscode enthält. Klickt jemand auf diesen Link und kauft innerhalb eines bestimmten Zeitraums, wird Ihnen die Provision gutgeschrieben.
So weit die Theorie. In der Praxis stellt sich allerdings die Frage, wie man überhaupt Menschen dazu bringt, auf diesen Link zu klicken. Und genau an dieser Stelle hat sich in den letzten zwei Jahren fundamental etwas verändert.
Das Geschäftsmodell, das zwei Updates zerstört haben
Jahrelang lief das Spiel nach einem festen Muster. Wer mit Partnerprogrammen Geld verdienen wollte, suchte sich ein Thema mit Kaufabsicht, etwa „beste Laufschuhe für Anfänger" oder „Kaffeevollautomat unter 500 Euro". Dann entstand ein Artikel mit Überschriften wie „Die 10 besten Kaffeevollautomaten im Vergleich", der in Wahrheit kein Vergleich war. Niemand hatte die Geräte nebeneinandergestellt. Stattdessen fasste der Artikel Herstellerangaben und Kundenbewertungen zusammen und rahmte das Ganze als persönliche Empfehlung.
Google bewertete diese Seiten lange Zeit als nützlich, weil sie strukturiert auf eine Suchanfrage antworteten. Der Traffic kam, die Klicks auf Affiliate-Links folgten, und die Provisionen flossen. Ein einzelner guter Artikel konnte über Jahre mehrere Hundert Euro im Monat einbringen.
Dann kam im September 2023 das Helpful Content Update. Google begann systematisch, Inhalte herabzustufen, die erkennbar für Suchmaschinen statt für Menschen geschrieben waren. Seiten, die Produkte „testeten", ohne sie getestet zu haben, verloren innerhalb weniger Wochen 80 bis 90 Prozent ihres Traffics. Für viele Betreiber war das der Todesstoß.
Warum KI den Druck nochmals verschärft
Das Helpful Content Update hätte allein schon gereicht, um das klassische Affiliate-Modell in eine Krise zu stürzen. Doch seit Google AI Overviews und Tools wie ChatGPT Suchanfragen direkt beantworten, hat sich das Problem verschärft. Wenn Sie heute „Welcher Akkubohrer für Heimwerker?" in eine Suchmaschine eingeben, erhalten Sie die Antwort direkt auf der Ergebnisseite. Es gibt keinen Grund mehr, einen Vergleichsartikel aufzurufen.
Für informationelle Suchanfragen sind die Klickraten auf organische Ergebnisse seit Einführung der AI Overviews um 60 bis 90 Prozent eingebrochen. Das betrifft nicht nur Affiliate-Seiten, aber es trifft sie besonders hart, weil ihr gesamtes Geschäftsmodell darauf basierte, dass Menschen von der Suche auf ihre Website klicken.
Affiliate-Seiten, die ausschließlich Informationen aggregierten und neu verpackten, verlieren damit ihre Existenzgrundlage. Eine KI kann dieselbe Zusammenfassung in Sekunden liefern, ohne dass der Nutzer die Suchmaschine verlassen muss.
Was KI nicht ersetzen kann
Trotz dieses Umbruchs gibt es Bereiche, in denen Partnerprogramme weiterhin funktionieren. Der Unterschied liegt darin, woher das Vertrauen kommt. Ein YouTuber, der seit drei Jahren denselben Akkuschrauber benutzt und das in seinen Videos zeigt, hat eine andere Glaubwürdigkeit als ein Text, der Amazon-Rezensionen umformuliert. Persönliche Erfahrung lässt sich nicht durch eine KI-Zusammenfassung ersetzen.
Das gilt auch für Nischen-Expertise. Wer sich auf ein eng begrenztes Fachgebiet spezialisiert hat und dort als Autorität wahrgenommen wird, kann Produkte empfehlen und Provisionen verdienen. Ein Schreinermeister, der auf seinem Blog das Werkzeug vorstellt, mit dem er tatsächlich arbeitet, liefert einen Mehrwert, den keine generierte Bestenliste bieten kann. Seine Leser kommen nicht über Google zu ihm, sondern weil sie ihm vertrauen.
Community-Vertrauen ist der dritte Faktor, der Affiliate-Einnahmen auch in Zukunft tragen kann. Ein Forum, eine Facebook-Gruppe oder ein Newsletter mit engagierten Abonnenten schafft eine Beziehung zwischen Empfehlendem und Publikum. Diese Beziehung ist der eigentliche Wert, und Partnerprogramme sind dann ein natürlicher Teil davon.
Die Frage, die sich jeder Affiliate stellen muss
Wenn Sie mit Partnerprogrammen Geld verdienen oder das vorhaben, gibt es eine Frage, die alles andere in den Hintergrund stellt: Würde Ihr Publikum Ihnen auch dann folgen, wenn Google morgen abgeschaltet würde? Wenn die Antwort Nein lautet, dann hängt das gesamte Geschäftsmodell an einem einzigen Kanal, der sich gerade grundlegend verändert.
Ein YouTube-Kanal mit 5.000 Abonnenten, die regelmäßig zuschauen, ist resilienter als eine Website mit 50.000 monatlichen Google-Besuchern. Denn die 5.000 Abonnenten haben sich bewusst entschieden, diesem Kanal zu folgen. Die 50.000 Website-Besucher haben lediglich auf ein Google-Ergebnis geklickt und tun das morgen bei einer anderen Seite, falls Google oder eine KI ihnen eine bessere Antwort liefert.
Daraus ergibt sich eine klare Orientierung: Wer mit Partnerprogrammen arbeiten will, sollte zuerst ein Publikum aufbauen und dann monetarisieren. Die umgekehrte Reihenfolge, erst die Monetarisierung planen und dann versuchen, Traffic dafür zu finden, war das Modell der letzten Dekade. Es hat funktioniert, solange Google der verlässliche Lieferant war. Diese Zeit ist vorbei.
Ist Affiliate-Marketing tot?
Partnerprogramme verschwinden nicht. Was verschwindet, ist der Mittelsmann, der keinen eigenen Wert schafft.
Nein. Partnerprogramme verschwinden nicht. Was verschwindet, ist der Mittelsmann, der keinen eigenen Wert schafft. Das Modell „Keyword recherchieren, Vergleichsartikel schreiben, auf Traffic warten" stirbt, weil es von Anfang an auf einer Schwäche der Suchmaschinen basierte, die jetzt durch KI geschlossen wird.
Affiliate-Marketing lebt dort weiter, wo echte Empfehlungen auf echtes Vertrauen treffen. Wenn ein Fachmann ein Produkt empfiehlt, das er selbst nutzt, und sein Publikum diese Empfehlung als glaubwürdig empfindet, dann funktioniert das Partnerprogramm als das, was es im Kern immer sein sollte: eine Vergütung für eine ehrliche Empfehlung. Der Weg dorthin führt über Expertise, Sichtbarkeit und Beziehungsaufbau. Schnelle Abkürzungen über Google-Traffic gibt es nicht mehr.
Für Unternehmen, die selbst ein Partnerprogramm anbieten wollen, gilt die gleiche Logik in umgekehrter Richtung: Die wertvollen Partner sind nicht die mit den meisten Keywords, sondern die mit dem größten Vertrauen bei ihrer Zielgruppe. Ein Partner mit kleiner, engagierter Community bringt mehr als hundert Nischenseiten, die morgen ihren Traffic verlieren können.
Autor dieses Beitrags ist Ralf Skirr. Er begleitet seit über 25 Jahren Unternehmen dabei, digitale Sichtbarkeit aufzubauen und in Kundenbeziehungen umzuwandeln. Die Veränderungen im Affiliate-Bereich durch KI und Googles Updates hat er aus der Perspektive eines Praktikers miterlebt. Sein Fokus liegt auf Strategien, die auch dann noch funktionieren, wenn sich die Spielregeln ändern.
Ralf ist Geschäftsführer der DigiStage GmbH, einer Agentur für Online Marketing. Die Agentur arbeitet mit B2B-Unternehmen, die langfristige Sichtbarkeit aufbauen wollen, statt von einzelnen Kanälen abhängig zu sein.
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